Veröffentlicht in Metropola

4. Ein unangenehmer Job

“Ich bin dein Sohn!”, rief Rashaan, “Nicht dein verdammter Angestellter!”

“Trotzdem wirst du tun was ich dir sage, es sei denn du willst für immer der Abschaum der Familie bleiben.” Während Rashaan seiner Wut freien Lauf ließ, wie ein Waldbrand, wirkte sein Vater, der Herrscher von Metropola, eher wie weiße Glut: Nach außen hin ruhig, doch in Wahrheit heißer als alles andere.

Rashaan schnaubte: “Das kannst du nicht. Mich für immer ausstoßen.”

Der dunkelhaarige Herrscher sah hinab auf die Papiere vor sich auf dem Schreibtisch. “Du würdest dich wundern, was ich alles kann. Und jetzt kümmere dich um den Fall. Vorher sollst du mir nicht mehr unter die Augen kommen.” Sein Tonfall hatte etwas entgültiges. Rashaan wusste, dass es keinen Sinn hatte, jetzt weiter in ihn zu dringen.

Mit grimmiger Miene stolzierte er aus dem prunkvollen Arbeitszimmer und warf die Tür mit einem Krachen ins Schloss. Sein Vater hatte ihn zu einem einfachen Polizisten degradiert! Ihn, Rashaan Flammenblut, der jüngste Spross der Herrscherfamilie.

Die Angestellten sprangen aus dem Weg, sobald er in Sicht kam. Niemand wollte sich ihm und seinem Zorn in den Weg stellen. Besser war es.

Im Hof stand seine glänzende Harley. Dunkelrot lackiert, mit einem Flammenstoß als Auspuff und kleinen Teufeln, die auf dem Scheinweirfer tanzten. Seine Gabi, sein Prachtstück. Sie war wohl die Einzige, die ihn zur Zeit nicht im Stich ließ. Und das ganze wegen einem Fehltritt! Gut möglicherweise war es nicht der erste gewesen, ihn jedoch mit gewöhnlichen Verbrechern auf die Jagd nach einem gestohlenen Buch zu schicken, war maßloß übertrieben. Und mit dem Übertreiben kannte er sich schließlich aus.

Er schwang sich auf Gabi und mit einem Schnurren erwachte die Flammengeister in ihr. Es bedurfte nur einer kleiner Bewegung aus dem Handgelenk und das rot-schwarz schillernde Motorrad schoss fauchend in die Luft.

Für Rashaan bedeutete sein fliegendes Motorrad schon lange keinen Kick mehr. Dafür brauchte es schon den freien Fall aus einem Flugzeug, den unbewaffneten Kampf gegen eine Überzahl von Gegnern oder eine glatte Felswand, die er ohne Sicherung überwinden konnte. Alles, bei dem sein Leben nicht mehr auf dem Spiel stand, empfand er als äußerst langweilig.

Zunächst schossen unter ihm die Gärten seiner Familie entlang, dann erreichte er die Stadt mit seinen Tropfenden Giganten. Hier schien auch nicht die Sonne, wie bei ihrem Herrschaftssitz, sondern Regen hielt die Stadt Metropola fast rund ums Jahr fest in ihrem Griff.

Nach kaum einer Sekunde war seine schwarze Lederjacke viermal so schwer und klebte unangenehm auf seiner Haut.

Sehr schlecht gelaunt lenkte Rashaan Gabi in den Innenhof des Museums für magische Geschichte. In einem Schwall brauner Brühe kam er vor den altehrwürdigen Stufen zu stehen.

Und stand einem im Schlamm gebadetem Gespenst, zwei Schwerverbrechern und seinem viel zu jungen Aufpasser gegenüber.

“Ihr seid zu spät”, erklärte der junge Officer mit tadelndem Unterton.

„Es ist ja nicht dein Fall, Helfer“, gab Rashaan zurück.

Gabi kam mit einem letzten Aufheulen zum Erliegen und Rashaan schwang seine langen Beine von ihr. Der mit schlamm besudelten Gestalt schenkte er keine Beachtung und schlenderte die Stufen hinauf ins Trockene.

“Immerhin bin ich überhaupt da, Wieselgesicht”, meinte Rashaan. Er stieß die gewaltigen, hölzernen Flügeltüren auf und verteilte beim Eintreten großzügig Schlamm auf dem penibel polierten Marmor Boden.

“Ich glaub ich mag ihn”, sagte der dicke Mann, an dem der Prinz ohne einen Blick vorbei marschiert war.

“Ich hoffe wir können diesen Auftrag schnell erledigen”, antwortete eine dumpf dröhnende Stimme neben dem Dicken.

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3. Mit dem Auge der Geister

Riesenhaften, schwarzen Monstern gleich, lauerten die spiegelglatten Hochhäuser auf einen Fehler von Ermolai Grünzweig.

Er überquerte schleppend den Hinterhof. Der Regen war wie ein Eimerguss , doch der Umhang mit der gewachsten Lederkapuze hielt Ermolai trocken. Der kalte Metallreif um seinen Hals war ein Fremdkörper auf seiner fiebrig heißen Haut.

“Schnüffeln, sollst du”, hatten sie zu ihm gesagt, “Dann darfst du vielleicht zurück in die Wildnis, wo du hingehörst.”

Wenn Ermolai an die Menschen, die ihm den Reif umgelegt hatten, dachte, empfand er Hass.

Hass auf die Menschen. Hass auf ihre Technologie. Hass auf ihre Skrupellosigkeit. Er fragte sich, wie er derselben Rasse angehören und sich doch den Niedergang der Menschheit wünschen konnte.

Er erreichte die Stufen, die zum Museum für magische Geschichte führten. Ein Museum war wohl ein Hort von Wissen. Dort wurde das Wissen weggesperrt. Bei den Geistern war das anders. Durch eine Verbindung konnte man einem anderen sein Wissen in nur einem Augenblick mitteilen.

Die Geister tauschten Wissen und Erfahrung mit jedem. Es gab keine Elite, der es vorbehalten war.

“Du bist also unser Spürhund, habe ich das richtig verstanden?” Der junge Mensch trug eine ähnliche Bekleidung wie die, die ihn festgenommen hatten. Nur ohne Panzerung. Eine Uniform, hatte man ihm gesagt.

“Ja”, sagte er. Mit dem Fährtenlesen kannte er sich aus. Auch mit dem Bewegen von Erde. Von viel Erde. Dazu durfte allerdings kein Wurzelwerk sie mehr halten.

“Sehr gut, mein Name ist Jennis Helfer. Ich bin der verantwortliche Offizier dieses Einsatzes.”

Ermolai nickte.

Plötzlich zischte es, Wasser spritzte mannshoch auf und ergoss sich in einem braunen Schwall über Ermolai. Da half auch die Kapuze nichts.

Der Offizier schüttelte sich den Schlamm von den Schuhen. “Seid Ihr der Soldat, der uns zur Verfügung gestellt wurde?”, fragte er. „Xenon?“

“Jawohl, Sir”, antwortete eine blecherne Grabesstimme.

Nachdem Ermolai sich den Schlamm aus den Augen gewischt hatte, konnte er schaudernd den Neuankömmling zu dieser Stimme sehen.

Er schien wie aus Ermolais schlimmsten Albträumen entsprungen. Zwar war die Gestalt menschlich, doch überall blitzte blankes, poliertes Metall, selbst ein Auge glühte in dem grellen Blau einer Maschinenanzeige. Vor ihm stand die Verschmelzung eines Soldaten mit einer Maschine. Stählerne Muskeln, Fetzen von glatter, weißer Haut zogen sich über den halb metallischen Schädel.

Das menschliche Auge betrachtet Ermolai mit kalter Gleichgültigkeit und das hellblaue fixierte ihn mit analytischem Computerblick.

Dann stieg der Maschinenmann die Stufen hinauf und stellte sich unter dem Vordach unter.

Ermolai war ohnehin schon nass bis auf die Knochen. Da würde er größtmöglichen Abstand zu dem Menschen und dieser albtraumhaften Maschine halten und hier unten bleiben.

Als nächstes fuhr ein langer schwarzer Wagen vor. Die Tür öffnete sich und ein bemerkenswert dicker Mann stieg aus. Das Wasser floss um ihn herum, sodass er selbst in dem strömenden Regen nicht nass wurde.

Feiner Stoff in den Tönen der Flüsse und Bäche spannte sich über den feisten Mann. Als er sich schleppend in ihre Richtung in Bewegung setzte, erinnerte er Ermolai an eines der schwerfälligen Wassertiere, die im Fluss lebten. Zumindest hatten sie dort gelebt, bevor die Menschen den Fluss austrockneten und eine Mondlandschaft aushoben.

Der Zorn kochte wieder in ihm hoch und mit ihm die Erinnerungen.

Die Menschen hatten seine Heimat zerstört. Die Geister der Erde getötet und nur Ödnis zurückgelassen. Ein tiefes Loch, in dem sie Mutter Erde ihre best gehütetesten Schätze entrissen. Er hatte es zugeschüttet, das Loch der Verdammnis. Das hatte den Menschen nicht gefallen. Deswegen war er jetzt ihr Spürhund.

Ermolai bekam gerade noch mit, wie sich das breite Feistgesicht mit “Pigonlozz Nebelow” vorstellte, denn ergoss sich ein weiterer Schwall des schlammigen Wassers über ihn.

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2. Die Eintönigkeit der Maschine

Die Eintönigkeit war allumfassend. Graues Metall vor ihm, nur wenige Handbreit von seinem Gesicht entfernt. Graues Metall hielt seinen ruhenden Körper. Und graues Metall war alles, was Xenon sehen konnte.

Auf einmal gab es ein schrilles Piepsen, dass sich in seinen Gehörgang gefressen hätte, wäre dieser aus Fleisch gewesen wie bei einem Menschen. Erleichtert darüber aus seiner Langeweile geweckt worden zu sein, öffnete Xenon die angekommene Nachricht.

Ein quäkende Stimme verkündete: „Dr. Theopilus Emanuel Schmidt, Sie werden gebraucht. Bewegen Sie sich sofort zum Museum für magische Geschichte und melden Sie sich bei Jennis Helfer.“

Mit einem weiteren schrillen Piepen endete die Nachricht. Xenon seufzte. Er wollte nicht. Warum vergaß man ihn nicht einfach hier unten? Dann müsste er sich nie wieder bewegen. Dann aber wallten die Schuldgefühle wieder auf und er erinnerte sich, warum er gehorchen musste. Er hatte große Zerstörung und viele Tote zu verantworten. Er musste seine Schuld gegenüber Metropola begleichen.

Xenon drückte einen Knopf nahe seiner rechten Hand. Mit einem Zischen wurde er von seiner Ruhekammer direkt auf die Straße in den strömenden Regen gesetzt.

Das Museum für magische Geschichte also. Dunkel erinnerte der Doktor des Maschinenbaus sich, dass er dort schon einmal gearbeitet hatte. Doch diese grauen Erinnerungen gingen unter in dem steten Strom schillernder Datenströme, die stets auf ihn einprasselten. Und die ihm mehr Informationen über seine Umgebung gaben, als es einem Menschen möglich gewesen wäre zu erfassen.

Eine schwarze Limousine fuhr vorbei und ein Schwall schmutziges Wasser ergoss sich über seine Schuhe. Dann loggte er das Museum für magische Geschichte als Ziel ein und seine maschinenbetriebenen Beine trugen ihn so schnell dorthin, dass eine Schneise im Regen entstand.