Veröffentlicht in Metropola

1. Das Netz

Es gab immer eine Lücke im Netz, dachte Pigonlozz Nebelow, während die schwarz gepanzerten Polizisten ihn abführten. Die Schwierigkeit bestand darin, die Lücke zu finden und den Mann dann zu kaufen.

Die Autotür wurde mit einem dumpfen ‘Tschak’ geschlossen. Durch die Panzerglasscheibe lag der hell erleuchtete Hafen vor ihm. Polizisten wimmelten auf einigen der Boote herum. Keiner von ihnen trug ein Regencape oder ähnliches, was ihn vor dem strömenden Regen geschützt hätte.

Eine Großrazzia und das kurz nach Mitternacht, dachte Pigonlozz, das konnte kein Zufall sein. Aber auch, wenn er jetzt ins Gefängnis kam, würde ihn das wohl kaum davon abhalten den verdammten Maulwurf in seinen Reihen finden.

Niemand betrog ungestraft Pigonlozz Nebelow, den spitzfindigsten Händler, den der Hafen Metropolas je gesehen hatte. Er verfügte nicht nur über eine Flotte von Schiffen, die an verhangenen und regnerischen Nächten wie dieser seine Ware an Land brachten. Pigonlozz handelte auch mit besonderen Gefälligkeiten. Hatte man einen lästiger Nebenbuhler oder einen betrügerischen Geschäftspartner, wandte man sich mit seinem Problem an den geheimen Herren des Hafens, und das Problem endete bald tot in einem Fluss oder einer einsamen Gasse.
Er würde diese miese kleine Ratte finden, die ihn verpfiffen hatte, und dann konnte sie sich auf etwas gefasst machen.

Jetzt musste er sich erst einmal Gedanken über seine Kontakte im Gefängnis machen. Natürlich war er auch auf diesen Fall vorbereitet, auch wenn er sich sicher gewesen war, dass sein Sicherheitssystem lückenlos war. Aber wie gesagt: es gab immer eine Lücke, selbst in den Netzen, die Pigonlozz Nebelow auslegte.

Es gab da zwei Küchenjungen, die regelmäßig Drogen bei ihm erstanden, einige der Wachen waren käuflich, das wusste er, und von einem Wächter kannte er ein Geheimnis, das besser nicht an die Öffentlichkeit kam. Und dann war da noch ein Offizier für den er mal ein ‚Problem‘ beseitigt hatte.

Pigonlozz rieb sich die fleischigen Händen. Er musste die Ruhe bewahren, er hatte alles unter Kontrolle. Für sein wunderschönes Weib und seine kleine Tochter würde schon gesorgt sein.

In dem Moment, in dem der Wächter seines Hauses erfahren hatte, dass er von der Polizei festgenommen worden war, würden seine Frau und seine kleine Tochter in eines der sicheren Häuser gebracht. Sie hatten nichts zu befürchten und Pigonlozz war froh darum.

Plötzlich ging die andere Tür zur Rückbank des Polizeiwagens noch einmal auf und ein Mann in einem nassen, aber sehr exquisiten Anzug setzte sich neben Pigonlozz.

Sofort schlug ihm ein starkes Rasierwasser entgegen, das den fein gekleideten Mann wie eine Wolke umgab.

Als Pigonlozz das Gesicht des Mannes im Schein der Hafenmole erkannte, rebellierte sein Magen nicht nur wegen des strengen Parfüms.

Fürst Sattar, der Herrscher Metropolas aus dem großen Geschlecht der Feuerhüter. Warum würde sich der Oberste der Oberen mit einem kleinen Schmuggler wie Pigonlozz abgeben? Das konnte nichts Gutes bedeuten.

“Herr Nebelow, schön Sie endlich persönlich kennenzulernen.” Die Stimme des Herrschers war wie das Schnurren einer Katze. Pigonlozz war in zu vielen Verhandlungen gewesen, um auf diesen simpelsten aller Tricks hereinzufallen.

Er neigte ehrfürchtig den Kopf; eine Verbeugung war im Wagen schlicht nicht möglich, zudem nicht mit Handschellen an den Handgelenken. “Eure Majestät. Was verschafft einem einfachen Verbrecher wie mir die Ehre Eurer Herrlichkeit.”

Die edel geschwungenen Lippen seines Gegenübers formten ein feines Lächeln. Pigonlozz war schon oft Menschen diesen Schlags begegnet. Sie wussten um ihre Schönheit und wie sie diese zu ihren Gunsten einsetzen konnten. Das Herrschergeschlecht der Feuerhüter besaß eine Haut wie flüssiges Karamell, scharf geschnittene Gesichtszüge mit einem herrischen Kinn, rabenschwarze Locken und Augen wie zwei Kohlen. Der Spruch ‘Schön wie ein Prinzensohn’ kam sicherlich nicht von irgendwoher. Zumindest nicht in Metropola.

Pigonlozz hingegen war kein besonders hübscher Zeitgenosse, das wusste er selbst, schließlich hatte er schon einmal in einen Spiegel gesehen. Neben dem hoheitsvollen Herrscher musste er wie eine aufgedunsene Wasserleiche wirken. Bis auf die Kleidung, denn dort sparte Pigonlozz ganz bestimmt nicht. Heute spannte sich eine teure, blaue Brokatweste über seinen mächtigen Bauch.

“Euch drohen mehr als zehn Jahre Haft, für das Vergehen, bei dem man Euch soeben erwischt hat, vielleicht sogar zwanzig Jahre. Gefällt Euch dieser Gedanke, Herr Nebelow?”

Die Frage klang harmlos, doch Pigonlozz witterte eine Falle. Warum sollte dieser Mann zu dieser Stunde noch auf den Beinen sein um ihm diese Frage zu stellen. Irgendwas stimmte hier nicht. Er musste vorsichtig sein.

“Das nennt sich wohl Berufsrisiko”, antwortete Pigonlozz. “Selbstverständlich hätte ich Besseres zu tun, als meine Zeit in einer kalten Zelle zu verbringen.”

Zwei der schwarz gepanzerten, triefend nassen Polizisten setzten sich in den mit einer Glasscheibe abgetrennten vorderen Teil des Wagens. Sie schienen nicht überrascht, dass Fürst Sattar einen Plausch mit ihrem Gefangenen hielt. Zwar zuckten ihre Augen immer wieder in den Rückspiegel, als könnten sie nicht glauben, wer ihr Fahrgast sei, doch ließen sie den Motor an, sodass die Feuergeister darin fauchend zum Leben erwachten und zwei helle Lichtstrahlen die hinterste Ecke der Hafenmole erstrahlten. Dann fuhren sie los.

“Was halten Sie davon, wenn sie statt in einer kalten Zelle zu sitzen, einer meiner Ermittler werden?”

“Warum sollten Sie mir so ein Angebot machen?”, fragte Pigonlozz misstrauisch.

Derweil fuhren sie durch den des nachts finsteren Hafen. Hier und da huschten kleine und auch größere Ratten tiefer in die Schatten, wenn sich der Polizeiwagen näherte.

“Sie sind ein fähiger Mann, Herr Pigonlozz, es hat lange gedauert Sie zu fassen. Sie haben Kontakte zu Allem und Jedem in dieser Stadt. Ich wette selbst in meiner Familie gibt es solche, die Euch etwas schuldig sind. Außerdem kenne ich Ihre besondere Affinität zum Wasser. Es sind nicht nur Eure Kontakte, die Euch zu einem erfolgreichen… Kaufmann… gemacht haben.”

Pigonlozz kniff die Augen zusammen. Sein besonderer Draht zum Wasser war nicht unbedingt geheim, denn er drohte damit auch schon mal dem einen oder anderen Geschäftspartner, aber er fragte sich dennoch, wie der Fürst das wissen konnte.

“Mein Sohn hat eine Einheit aus …besonderen … Menschen zusammengestellt. Ich will, dass Sie ein Teil davon werden. Und mich über jeden Fortschritt genauestens unterrichten.”

“Ich soll Ihr Spion werden?” Es war eigentlich eine Feststellung. Er wusste nicht, was da vorging, aber es klang ganz nach Machenschaften der Oberen. Machenschaften, in die er ganz bestimmt nicht hineingezogen werden wollte.

“Ich hätte mehr von einem Informanten gesprochen”, meinte der Herrscher schmunzelnd. “Mit Informanten kennen Sie sich doch sicherlich aus.”

Inzwischen fuhr der Wagen auf den grell erleuchteten Hauptstraßen Metropolas. Um diese Uhrzeit und bei diesem Regen, war kaum noch jemand auf den Beinen. Die Straßen waren wie leergefegt. Die riesigen Wolkenkratzer stützten die dunkelgraue Wolkendecke. Metropola zeigte sich von seiner finstersten Seite in dieser Nacht.

“Eure Majestät, ich muss dankend ablehnen. Einer solchen Verantwortung bin ich nicht gewachsen”, sagte Pigonlozz Nebelow. Er würde sich in nichts hineinziehen lassen. Er würde gemütlich in seiner Zelle sitzen und von dort aus seine Geschäfte regeln.

“Nein, ich glaube nicht, dass Sie ablehnen werden. Schließlich würde ich Euch Eure Freiheit nach beendetem Fall wiedergeben. Ihr könntet schon in wenigen Wochen wieder bei Eurer Familie sein…”

“Eure Majestät, Ich bevorzuge die ehrliche Gerichtsbarkeit und werde erhobenen Hauptes meine gerechte Strafe antreten. Suchen sie sich einen anderen, der Eure Drecksarbeit erledigt.” Bei Pigonlozzs scharfen Worten schien die Maske der Freundlichkeit von dem Gesicht Fürst Sattars abzufallen. Darunter kamen ein kalter Blick und ein harter Zug um den Mund zum Vorschein.

“Ihr werdet meinen Befehlen gehorchen, Nebelow. Schließlich wollen sie doch Ihre kleine Aleksandra wiedersehen. Oder wollen Sie, dass sie schreckliche Qualen erleidet, weil ihr Daddy ungehorsam ist.” Die Stimme war kalt und scharf wie Eis und schnitt mit Rasierklingen in Pigonlozz kleines Herz.

“Ihr wagt es nicht, meiner Tochter etwas anzutun”, sagte er leise.

“Lasst es besser nicht darauf ankommen. Wir haben Ihre Familie in Gewahrsam. Der Wächter, den Sie bezahlt haben, war von uns eingeschleust. Wie Sie sehen, haben nicht nur Sie Ihre Kontakte.”

Pigonlozz starrte den Herrscher nun mit unverhohlenem Hass an. So war das also. Man ließ ihm keine Wahl, als mitten in dieses Spiel hineingezogen zu werden.

Der Wagen hielt vor der Polizeiwache. Ein heruntergekommener, jedoch robuster Betonbau. Ein Ungeheuer, dass im Regen kauerte.

“Ich glaube Euch nicht”, sagte Pigonlozz. In Wahrheit nagte der Gedanke an ihm. Was wenn es stimmte? Was wenn seine kleine Aleksandra Schmerzen erleiden würde?

“Gebt mir einen Beweis, dass sie in Eurer Gewalt ist”, forderte Pigonlozz.

“Sie werden mir wohl vertrauen müssen. Wenn sie sich jedoch weigern, werden Sie bald ein Video von Ihrer Tochter bekommen, dann wird sie ihren Daddy allerdings schon verfluchen, das verspreche ich Ihnen.”

Die Polizisten stiegen aus und öffneten die Tür auf Pigonlozzs Seite. Sofort klatschte der kalte Regen auf die Sitze. Pigonlozz teure Kleidung blieb wie durch ein Wunder verschont.

“Wenn Ihr das vermeiden wollt, tut Ihr was ich Euch gesagt habe, werdet Teil der Ermittlergruppe und berichtet mir alles bis ins kleinste Detail. Ihr werdet noch heute Nacht gerufen werden.”

Pigonlozz biss die Zähnen zusammen und stieg aus dem Auto. “Ich habe verstanden, Eure Majestät”, sagte er. Dann ließ er sich abführen.

Fürst Sattar hatte sein Netz gut vorbereitet und Pigonlozz Nebelow clever darin verwickelt. Ihm blieb keine andere Wahl, als seinen Befehlen Folge zu leisten. Aber wohin würde ihn das führen?

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Kalter Mondschein

Sie suchte ihn abermals im ‚Einsamen Wanderer‚ auf. Nicht die kalte Dunkelhaarige, sondern das hübsche Blondchen. Wieder verbarg ein langer schwarzer Umhang das feine Gewebe ihres weiß-goldenen Kleides, doch die Kapuze hatte sie dieses Mal zurückgeschlagen.

„Ich muss mit dir reden“, sagte Nordstern unumwunden, als sie vor seinem Stammtisch angelangt war.

„Wo ist deine dunkelhaarige Freundin?“, wollte Abraxas wissen.

„Darum geht es. Es ist Vollmond. Gibt es hier einen Ort, wo wir uns ungestört unterhalten können?“

Abraxas musterte sie über den Rand seines Weinkrugs. Sie wirkte angespannt und sah ihn flehend aus großen blauen Augen an.
„Na gut, komm mit.“ Er schob seinen Stuhl zurück, griff seinen Krug und ging voraus zu der schiefen Holztreppe, die ins Obergeschoss führte. Nordstern folgte ihm auf den Fuß. Er führte sie in das Zimmer, das er im ‚Einsamen Wanderer‚ bewohnte. Es war das größte des Wirtshauses und er lebte hier seit mindestens einem Jahrzehnt.

Beim Eintreten in sein Allerheiligstes rümpfe Nordstern die Nase. „Ich glaube, ich bin noch keinem Gefallenen mit so niedrigem Lebensstandart begegnet“, meinte sie. Dennoch streifte sie ihren Umhang ab und ließ sich aus Ermangelung einer Sitzgelegenheit auf seinem Bett nieder.

„Rebellen leben nun mal nicht unbedingt bequem“, gab er zurück und lehnte sich an einen Tisch, der vor dem Fenster auf die Straße stand. Der Stuhl davor war von einem Stapel Bücher belegt. Genauso wie der größte Teil des Tisches. Und sein Nachttisch. Und diese eine Ecke des Raumes, die er sowieso nie geputzt hatte. „Also, was gibt es Wichtiges?“

„Nun“, begann Nordstern. „Der Rabenhort existiert noch.“

„Da hast du eine gute Beobachtungsgabe“, lobte Abraxas und genehmigte sich einen Schluck des Weines. Mit der anderen Hand fuhr er unter eine offene Schriftrolle hinter seinem Rücken und ertastete das kühle Metall, nachdem er gesucht hatte. Unauffällig schob er es hinten in den Bund seiner Hose.

„Das hat dem Vater nicht gefallen“, sagte Nordstern. Sie schien nichts bemerkt zu haben.

„Und was will er dagegen unternehmen?“ Er knallte den Krug auf dem Tisch und ging einige Schritte auf Nordstern zu. „Mir eine weitere Verwarnung zukommen lassen?“

„Er schickt Mond, um deine Stadt zu vernichten“, erwiderte Nordstern mit vorgerecktem Kinn. „Sie ist auf dem Weg hierher.“

Abraxas kam dicht vor ihr zum Stehen, sodass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihn anzusehen. „Und weshalb bist du dann hier?“, wollte er wissen.

„Ich wollte dich warnen.“ Sie streckte eine Hand aus und berührte mit den Fingerspitzen sein Gesicht. „Sie wird kein Erbarmen zeigen.“

„Das ist mir gleich“, flüsterte Abraxas. „Denn ich habe ja dich.“ Er kam ihr noch näher, drückte sie an der Schulter sanft auf das Bett und stieg über sie. „So lange ich dich habe, kann mir deine Freundin gestohlen bleiben.“ Er beugte sich hinab und küsste ihre vollen Lippen. Sie stöhnte auf und wölbte ihm ihren wohlgeformten Körper entgegen. Innerlich schmunzelte Abraxas. Er hatte vollkommen richtig gelegen.

Während er Nordstern mit einer Hand aufs Bett presste und sie mit Küssen bedeckte, griff er mit der anderen nach den Handschellen, die er in seinen Hosenbund geschoben hatte. Mit einem Blick zum Fenster vergewisserte er sich, dass die Sonne noch nicht untergegangen war. Glühend schwebte sie noch über dem Horizont. Viel Zeit blieb ihm also nicht mehr, bis das Himmelsgestirn unter ihm zu voller Stärke erwachte.

Also jetzt oder nie.

Er zog die Handschellen hervor und es gelang ihm, sie um die schlanken Handgelenke Nordsterns zu schlingen, bevor dieser bewusst wurde, was er da tat.
Noch immer kniete er über ihr, doch nun lagen ihre Hände in Sterneneisen. Das einzige Metall, das ein Himmelsgestirn binden konnte. Er hatte den einen Monat gut genutzt und sich vorbereitet.

„Was soll das?“, fauchte Nordstern und versuchte, sich aus den Fesseln zu befreien.

„Ich danke dir für deine Fürsorge“, sagte Abraxas und erhob sich vom Bett. „Aber ich wusste, dass ihr beiden wiederkommen würdet und ich bin vorbereitet.“

„Ich bin nicht deine Feindin“, presste Nordstern hervor. „Ich bin gekommen um dich zu warnen!“

„Das weiß ich zu schätzen“, sagte Abraxas. „Und jetzt sei eine brave Geisel und halt den Mund.“ Er schob die Schriftrolle beiseite. Darunter lag ein weiteres Paar Handschellen aus demselben Material. Ein Schmied hatte sie nach Abraxas Angaben aus dem Sterneneisen gefertigt, für das er beinahe seine Seele verkauft hatte.

„Sterneisen“, sagte Nordstern und diesmal klang sie niedergeschlagen.“

„Exakt.“

„Mich gefangen zu halten wird Mond nicht aufhalten.“

„Ich habe immer noch einen Plan B“, sagte er und griff mit diesen Worten die Handschellen und die Kette aus Sterneneisen, die noch auf dem Tisch lagen.

„Es ist noch nicht zu spät, die Forderungen des Vaters zu erfüllen!“

Abraxas stieß den Tisch zur Seite, öffnete das Fenster und kletterte auf den Fenstersims. „Der Vater ist mir recht egal“, sagte er.

Raschelnd entfaltete er seine nachtschwarzen Schwingen und stieg mit kräftigen Flügelschlägen zum Himmel auf. Mond würde Rabenhort sehen müssen, um es zu zerstören. Also musste sie hier irgendwo sein.

Und da erspähte er sie. Eine dünne Silouette vor der gleißend hellen Scheibe des Mondes. Ohne Flügel oder andere sichtbare Hilfsmittel schwebte sie reglos in der Luft. Die Arme hatte sie über den Kopf erhoben.

Abraxas beschleunigte seinen Flügelschlag und kam Mond immer näher. Nun konnte er das dunkle Haar erkennen, das der Wind ihr ins Gesicht trieb. Ihr schmaler Mund bewegte sich in einer Beschwörungsformel.

Und da sah Abraxas den Meteroiten. Er begann als Sternschnuppe am Himmel. Doch anstatt nach wenigen Sekunden zu verglühen, wurde er größer und größer. Rote und blaue Flammen zogen in seinem Schweif Spuren in den Himmel. Und dann stand er direkt über ihnen. Ein brennender Gigant aus Himmelsgestein.

Abraxas kollidierte mit Mond, doch es war zu spät.

Mit einem Getöse als würde die Welt zerbrechen, schlug der Meteorit in Rabenhort ein. Die Welt erzitterte unter dem Einschlag und die Druckwelle zog Abraxas wieder von Mond fort.
Der Donner des Einschlags hallte noch in der Ferne nach und dann war es still.

Totenstill. Bis auf das spöttische Lachen aus Monds Kehle. Inzwischen schwebte sie einige Manneslängen von ihm entfernt. Unberührt von der Schwerkraft, während er sich mit kräftigen Flügelschlägen in der Luft halten musste.

Unter ihnen breitete sich aus, was einmal Rabenhort gewesen war. Nun gab es lediglich einen Krater, gefüllt mit Trümmern der Stadt, die er sich zur Heimat gemacht hatte. Und in der Mitte lag der schwelende Meteorit. Groß wie die Kirche in Barnaie und genauso abstoßend.
„Nordstern war in Rabenhort“, brachte er schließlich heraus.

„Und was interessiert mich das?“, fragte Mond. Ihre rauchige Stimme hatte einen überirdischen Klang.

„Ich muss töricht gewesen sein, dir menschliches Empfinden einzuräumen.“

„Das ist nicht deine Einzige Torheit, Dunkelschwinge“, sagte Mond. Mit wehendem Kleid stieg sie höher und höher, sodass Abraxas Mühe hatte, mitzuhalten. „Gib acht, mit wem du dich nun anlegst, Gefallener, denn der Vater hat dir deine Unsterblichkeit genommen.“ Dann beschleunigte sie und schoss hinauf in den finsteren Nachthimmel und ließ Abraxas über den Trümmern seiner Heimat zurück.