Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Sicherheitskontrolle

„Gut, dann bitte einmal umdrehen.“ Die Frau folgte der Aufforderung, sodass Selina sie mit dem Scanner abfahren konnte. Er piepte bei den Ohrringen, aber das war in Ordnung. Als sie über den linken Oberarm der Frau fuhr, leuchtete das Gerät grün auf.

„Gut sie dürfen durch gehen.“ Die Frau nahm ich Gepäck entgegen. Der Nächste in der Reihe brauchte einige Minuten, bis er sein ganzes Gepäck aufs Band geladen hatte und so konnte Selina einen Moment durchatmen.

Mehr als neun Monate hatte sie während der Ausgangssperre am Existenzminimum gelebt. Sie hatte ein wunderschönes Cafe besessen, das sie sich mit einer Freundin in harter Arbeit aufgebaut hatte. Doch als alle Restaurants schließen mussten, dauerte es nicht lange, bis sie Pleite gingen. Sie war froh nun diesen Job bekommen zu haben, auch wenn er unerträglich langweilig war.

Seit die Flughäfen vor einem Monat wieder aufgemacht hatten, wurde mehr Personal benötigt für das erhöhte Flugaufkommen und die Einhaltung der neuen Sicherheitsvorschriften. Es wurde gut bezahlt, aber dafür waren die Preise für einen Flug auch fünfmal so teuer wie früher.

Der alte Mann hatte endlich all seinen Elektrokram aus seinen Taschen gesucht und in die Durchleuchtekästen gepackt. Jetzt trat er vor Selina, um sich von ihr checken zu lassen. Er war klein, dünn und gebrechlich, trotzdem strahlte er eine stählerne Entschlossenheit aus. Irgendwie erinnerte er sie an eine Schildkröte. Mit seinen blassen Augen schaute er sie fest an.

Selina versuchte seinem Blick aus dem Weg zu gehen, indem sie ganz normal ihrer Tätigkeit nachging und seine Gliedmaßen mit dem Scanner abfuhr. Er piepte bei dem Ehering an seiner Hand. Nichts Ungewöhnliches.
„Bitte einmal umdrehen“, bat sie ihn höflich. Das tat er. Sie fuhr mit dem Scanner seinen Rücken, seine Beine und seine Oberarme ab. Das Gerät blinkte rot auf und gab ein schrilles Piepsen von sich. Erschrocken fuhr sie zusammen. Das war bisher noch nicht passiert.

Sie fuhr erneut über seine Arme. Wieder das rote Blinken und das Piepsen.

„Entschuldigen Sie. An welchem Arm befindet sich ihre Impfung?“, fragte Selina den Mann. Vor drei Monaten war der Impfstoff für COVID-19 von der Bundesregierung freigegeben worden. Die Menschen hatten sich beeilt geimpft zu werden, damit das Leben wieder normal weiter gehen konnte. Aus Sicherheitsgründen war die Impfung außerdem Voraussetzung für viele Bereiche der Öffentlichkeit geworden. So musste jedes Kind, das die Schule besuchte, geimpft sein, Jeder, der Mitglied in einem Sportverein war und jeder der eine Grenze übertreten wollte. Oder eben mit dem Flugzeug fliegen wollte. Die Prüfung der Impfung war Teil von Selinas Job, doch bislang war das Gerät immer grün aufgeleuchtet. Schließlich wussten die Leute ja, dass sie die Impfung brauchten.

Der alte Mann drehte sich wieder zu ihr um, noch immer diesen festen Blick in den Augen.
„Ich habe keine Impfung“, sagte er.
„Okay, sie bekommen dort drüben eine, dann können Sie den Flug antreten“, sagte Selina und deutete auf einen ihrer Kollegen, der mit der Impfausrüstung am Rand der Kontrollen bereitstand. Sie winkte ihn zu sich herüber.

„Nein“, sagte der Mann.

„Aber das müssen sie, wenn Sie in ihr Flugzeug steigen wollen, sonst ist die Reise hier für Sie zu Ende“, versuchte sie ihm zu erklären.
„Das ist gegen mein Recht auf Unversehrtheit“, sagte er.

„Es ist ja keine wirkliche Verletzung. Sie bekommen lediglich eine kleine Spritze.“

„Können Sie mir sagen, was genau da in dieser Spritze ist?“, fragte der Mann mit erhobenen Augenbrauen.

„Nun ja, der Impfstoff eben.“ Verärgert runzelte Selina die Stirn. Konnte dieser alte Zausel nicht einfach abziehen, seine Spritze bekommen und nicht den ganzen Verkehr aufhalten? Inzwischen staute es sich hinter ihm und einige Leute schauten nervös auf ihre Uhren.

Der Mann zeigte auf das Gerät, das sie in ihren Händen hielt. „Und auf was reagiert dann ihr schlaues Gerät?“

Kurz irritiert blickte sie auf den länglichen schwarzen Apparat in ihren Händen. Er hatte einen schwarzen Plastikgriff, der in einen etwa 30 Zentimeter langen, an den Seiten abgeflachten, Plastikstab überging. Es reagierte auf Metall, das die Leute am Körper trugen, und den Impfstoff. Naja, auf die Stelle an die der Impfstoff gespritzt worden war. Der Impfstoff selbst löste sich ja schließlich im Körper auf. Oder so.

„Er reagiert auf den Chip, den sie den Leuten mit dem Impfstoff einpflanzen!“ Die Stimme des Mannes zitterte vor Erregung, auch wenn er leise sprach. „Wie muss sich die Regierung gefreut haben, als sich ihr diese Gelegenheit geboten hat. Endlich die gesamte Bevölkerung chippen lassen. Endlich die totale Überwachung etablieren. Erst ihre App, jetzt der Chip. Ich werde mich nicht chippen lassen. Ich weigere mich!“

„Aber die App war doch wichtig bei der Bekämpfung von Corona. Ohne sie hätten wir die Ausbreitung nicht so schnell stoppen können. Außerdem ist es Unsinn sich nicht impfen zu lassen, schließlich gefährden Sie damit nicht nur sich, sondern auch andere Menschen. Kinder und alte Leute…“ Selina verstummte. Eigentlich war seine Handlung hauptsächlich gefährlich für ihn selbst, denn er war definitiv in der Risikogruppe.

Der Kollege mit der Impfausrüstung kam hinzu, wie Selina erleichtert bemerkte.

„Dieser Herr benötigt noch eine Impfung für seinen Flug“, erklärte sie ihm.

„Nein!“, beharrte der Mann etwas lauter. „Ich werde mich NICHT chippen lassen!“

„Jetzt seien Sie doch vernünftig“, sagte ihr Kollege.

„Lassen Sie mich jetzt bitte durch, ich darf meinen Flieger nicht verpassen. Meine Enkelin wurde vor wenigen Tagen geboren. Wollen Sie mir das Glück verwehren, sie in den Armen zu halten?“

„Sicherlich nicht“, antwortete ihr Kollege. „Ein kurzer Piekser und niemand hindert sie mehr daran.“

„Nein!“

Ihr Kollege zögerte nicht und gab den Securityleuten, die die Auseinandersetzung schon beobachtet hatten, einen Wink worauf sie herüber kamen.

„Das könnt ihr nicht machen!“ Die Stimme des Alten war flehend. Selina sah ihn traurig an. Er tat ihr Leid.

Die Kollegen von der Security nahmen den Mann eisern an der Schulter und geleiteten ihn Richtung Absperrung. Sie sah ihm nach wie er weiter abwechselnd zeternd, dann bittend, dann sich wieder wütend gebärdete. Unwillkürlich strich sie mit den Fingern über die Narbe an ihrem linken Oberarm. Spürte sie dort nicht etwas Kleines, Festes? Sie hatte es für eine Hautverhärtung gehalten.

„Selina, die Nächsten warten“, sagte der Kollege mit der Impfausrüstung und holte sie aus ihren Gedanken. Vor ihr stand eine Schlange von verärgerten Flugpassagieren, die darauf warteten durch die Sicherheitskontrolle zu kommen.

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Die Seele des Kriegers

Der Dschungel erhebt sich in reicher Fülle zu allen Seiten, wie eine Fototapete in so manchem geschmacklos eingerichteten Schlafzimmer. In einem Dschungel wachsen die Bäume nicht einfach jeder für sich. Dort, wo ein Baum wächst, ranken sich noch mindestens drei weitere Pflanzen um seinen Stamm und in seiner Krone, nicht zu vergessen die unzähligen Lianen, die den ganzen Wald zu einem einzigen Knäul verknoten. Betupft ist diese einzigartige Wand mit unzähligen daumen- bis faustgroßen Blüten in fast allen Farben, die sich vorstellen lassen.

Natürlich steht mein Thron nicht irgendwo im Dschungel, sondern an einem der schönsten Flecken überhaupt. Von meinem Felsen aus hat man Überblick über die grünen Berge, die sich wie Falten einer Decke über das Land erstrecken. Schmetterlinge tanzen in Paaren über die Kante, hinab ins Tal und Kakadus und Kokoburras segeln auf ihren Schwingen dahin oder verspotten meine Besucher mit ihrem Gekrächze und Gelächter.

Und da kommt auch gerade ein neuer Besucher an. Mit kurzer Kleidung im Dschungel, ich schüttelte den Kopf, entweder er war dumm oder furchtlos. Ich werde es gleich herausfinden. Mit offenen Augen schaut sich der junge Mann auf meiner Lichtung um und erstarrt, als er die herzförmigen Blätter erkennt, die die Lehne meines Stuhles formen. Die Blätter des Gympie Gympie. Schandmäuler nennen mich auch Selbstmordpflanze.

„Wo bin ich?“, fragt er mich.

„Du bist an einem Ort, an dem du dich entscheiden musst“, erkläre ich, „Du hast es gewagt mich zu berühren und wirst deine Schuld abbezahlen müssen.“

Seine Augen weiten sich. Sofort fährt sein Blick hinunter zu seiner linken Hand. ‚Da kann er aber glücklich sein, dass es nur die Hand ist‘, denke ich bei mir. Zu gut konnte ich mich noch an jenen strammen Soldaten erinnern, der die zarten, herzförmigen Blätter irrtümlicherweise für Klopapier gehalten hatte. Die Schuld war zu hoch gewesen und er stürzte sich direkt vor meinen Augen von dieser Klippe, noch bevor ich die Sache mit der Schuld genau erklären konnte.

„Welche Schuld? Und welche Entscheidung?“, fragt er. Sein Verstand versucht anscheinend noch alles zu verarbeiten. Allerdings bringen die kleinen Wesen, die nun über die Lichtung springen, ihn dabei ganz offensichtlich aus dem Konzept.

Ein tiefblauer Vogel mit grünem Kopf, der sich auf einem Ast niederlässt, ein kleines, buckliges Männlein ohne Haare, das versucht an seinem Bein empor zu klettern, eine feenhafte Gestalt, die mit glitzernden Libellenflügeln um seinen Kopf schwirrt und ein zerzauster Wombat, der sich an das andere Bein drückt.

Das Spinnenhafte Wesen, das sich an seinem Hinterkopf festgesaugt hat und seine langen schwarzen, Tentakelbeine in die Nerven seines Rückgrades gegraben hat, bemerkte er zum Glück nicht. Der Schmerz war schon immer ein hinterhältiges Biest.

„Dein Verbrechen ist Respektlosigkeit gegenüber der Göttin des Waldes“, erkläre ich sachlich und versuche geduldig zu sein. Schließlich können die Menschen ja nichts dafür, dass sie so schwer von Begriff sind. „Das Gift, das sich jetzt in deinem Körper befindet, wird dich rein brennen. Das ist alles andere als angenehm, denn der Schmerz wird sich noch weiter steigern, aber mit jeder Sekunde, die du diesen Schmerz erträgst, gedenkst du mir und dem Dschungel. Ich versichere dir, dein Respekt für den Dschungel wird nach diesen Tagen wiederhergestellt sein. Du darfst dich dann auch Krieger nennen, wenn du willst, denn die Prüfung eines Kriegers war es in den alten Tagen, eine Begegnung mit mir zu überleben. Du magst dir gar nicht ausmalen, wie verweichlicht die meisten Menschen sind, die heute zu mir kommen. Manche stürzen sich so schnell in den Abgrund, dass sie mir überhaupt nicht richtig zu hören.“

Sein Blick zuckt kurz zu der Felskante hinüber, aber er fängt sich gleich wieder.

„Was sind das für Geschöpfe?“, fragt er. Er geht in die Knie, schiebt das hässliche Männchen von sich und beginnt den Wombat zu streicheln.

„Das sind deine stärksten Emotionen“, sage ich, „Der pelzige Felsbrocken zu deinen Füßen ist dein Wille. Ich muss gestehen, das ist ein ganz ordentlicher Wille. So gut wie unzerstörbar.“ Ich deute auf das Männlein, das wieder versucht sich zu nähern. „Das ist deine Angst. Manchmal sitzt sie auf deiner Schulter und flüstert dir Dinge ein. Sie wächst allerdings nur, wenn du ihr auch Aufmerksamkeit schenkst.“

„Was ist mit dieser Libelle? Oder ist es eine Fee? Sie kommt mir so bekannt vor.“

Ich lächle. „Das ist deine Liebe. Zart, aber mit Flügeln, die jedes Hindernis überwinden können. Der Schmerz schließlich, der sitzt dir gerade ganz schön hässlich im Nacken. Sieh dich besser nicht um, das willst du nicht sehen.“

Entsetzt keucht er auf.

„Ich sagte doch: nicht umdrehen“, ich seufze und schüttle den Kopf. Diese Menschen. „Nun ja und der Vogel dort im Baum ist deine Hoffnung, quasi das Licht am Ende des Tunnels.“

Ich tippe mit den Fingerspitzen meiner rechten Hand auf die Handfläche meiner linken Hand, während der Mann panisch versucht das Wesen auf seinem Rücken loszuwerden. Fluchend versucht er es mit den Händen zu packen, doch es ist zu glitschig und gräbt sich stattdessen noch tiefer in sein Fleisch.

Völlig außer Atem und ohne zufriedenstellendes Ergebnis sitzt er schließlich da.

„Also, wie schon gesagt“, fahre ich mit mahnend erhobenem Finger fort, „Respektiere den Dschungel und seine Gottheiten und büße für deine Fehler mit deinem Schmerz. Überstehst du ihn, so wirst du mit der Seele des Kriegers wiedergeboren. Und so weiter und so fort. Noch irgendwelche Fragen?“

„Ähm, ich denke nicht.“

„Schön, dann viel Spaß noch mit dem Nervengift.“ Damit schicke ich ihn wieder zurück in seinen Körper.