Veröffentlicht in Metropola

3. Mit dem Auge der Geister

Riesenhaften, schwarzen Monstern gleich, lauerten die spiegelglatten Hochhäuser auf einen Fehler von Ermolai Grünzweig.

Er überquerte schleppend den Hinterhof. Der Regen war wie ein Eimerguss , doch der Umhang mit der gewachsten Lederkapuze hielt Ermolai trocken. Der kalte Metallreif um seinen Hals war ein Fremdkörper auf seiner fiebrig heißen Haut.

“Schnüffeln, sollst du”, hatten sie zu ihm gesagt, “Dann darfst du vielleicht zurück in die Wildnis, wo du hingehörst.”

Wenn Ermolai an die Menschen, die ihm den Reif umgelegt hatten, dachte, empfand er Hass.

Hass auf die Menschen. Hass auf ihre Technologie. Hass auf ihre Skrupellosigkeit. Er fragte sich, wie er derselben Rasse angehören und sich doch den Niedergang der Menschheit wünschen konnte.

Er erreichte die Stufen, die zum Museum für magische Geschichte führten. Ein Museum war wohl ein Hort von Wissen. Dort wurde das Wissen weggesperrt. Bei den Geistern war das anders. Durch eine Verbindung konnte man einem anderen sein Wissen in nur einem Augenblick mitteilen.

Die Geister tauschten Wissen und Erfahrung mit jedem. Es gab keine Elite, der es vorbehalten war.

“Du bist also unser Spürhund, habe ich das richtig verstanden?” Der junge Mensch trug eine ähnliche Bekleidung wie die, die ihn festgenommen hatten. Nur ohne Panzerung. Eine Uniform, hatte man ihm gesagt.

“Ja”, sagte er. Mit dem Fährtenlesen kannte er sich aus. Auch mit dem Bewegen von Erde. Von viel Erde. Dazu durfte allerdings kein Wurzelwerk sie mehr halten.

“Sehr gut, mein Name ist Jennis Helfer. Ich bin der verantwortliche Offizier dieses Einsatzes.”

Ermolai nickte.

Plötzlich zischte es, Wasser spritzte mannshoch auf und ergoss sich in einem braunen Schwall über Ermolai. Da half auch die Kapuze nichts.

Der Offizier schüttelte sich den Schlamm von den Schuhen. “Seid Ihr der Soldat, der uns zur Verfügung gestellt wurde?”, fragte er. „Xenon?“

“Jawohl, Sir”, antwortete eine blecherne Grabesstimme.

Nachdem Ermolai sich den Schlamm aus den Augen gewischt hatte, konnte er schaudernd den Neuankömmling zu dieser Stimme sehen.

Er schien wie aus Ermolais schlimmsten Albträumen entsprungen. Zwar war die Gestalt menschlich, doch überall blitzte blankes, poliertes Metall, selbst ein Auge glühte in dem grellen Blau einer Maschinenanzeige. Vor ihm stand die Verschmelzung eines Soldaten mit einer Maschine. Stählerne Muskeln, Fetzen von glatter, weißer Haut zogen sich über den halb metallischen Schädel.

Das menschliche Auge betrachtet Ermolai mit kalter Gleichgültigkeit und das hellblaue fixierte ihn mit analytischem Computerblick.

Dann stieg der Maschinenmann die Stufen hinauf und stellte sich unter dem Vordach unter.

Ermolai war ohnehin schon nass bis auf die Knochen. Da würde er größtmöglichen Abstand zu dem Menschen und dieser albtraumhaften Maschine halten und hier unten bleiben.

Als nächstes fuhr ein langer schwarzer Wagen vor. Die Tür öffnete sich und ein bemerkenswert dicker Mann stieg aus. Das Wasser floss um ihn herum, sodass er selbst in dem strömenden Regen nicht nass wurde.

Feiner Stoff in den Tönen der Flüsse und Bäche spannte sich über den feisten Mann. Als er sich schleppend in ihre Richtung in Bewegung setzte, erinnerte er Ermolai an eines der schwerfälligen Wassertiere, die im Fluss lebten. Zumindest hatten sie dort gelebt, bevor die Menschen den Fluss austrockneten und eine Mondlandschaft aushoben.

Der Zorn kochte wieder in ihm hoch und mit ihm die Erinnerungen.

Die Menschen hatten seine Heimat zerstört. Die Geister der Erde getötet und nur Ödnis zurückgelassen. Ein tiefes Loch, in dem sie Mutter Erde ihre best gehütetesten Schätze entrissen. Er hatte es zugeschüttet, das Loch der Verdammnis. Das hatte den Menschen nicht gefallen. Deswegen war er jetzt ihr Spürhund.

Ermolai bekam gerade noch mit, wie sich das breite Feistgesicht mit “Pigonlozz Nebelow” vorstellte, denn ergoss sich ein weiterer Schwall des schlammigen Wassers über ihn.

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