Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Die Seele des Kriegers

Der Dschungel erhebt sich in reicher Fülle zu allen Seiten, wie eine Fototapete in so manchem geschmacklos eingerichteten Schlafzimmer. In einem Dschungel wachsen die Bäume nicht einfach jeder für sich. Dort, wo ein Baum wächst, ranken sich noch mindestens drei weitere Pflanzen um seinen Stamm und in seiner Krone, nicht zu vergessen die unzähligen Lianen, die den ganzen Wald zu einem einzigen Knäul verknoten. Betupft ist diese einzigartige Wand mit unzähligen daumen- bis faustgroßen Blüten in fast allen Farben, die sich vorstellen lassen.

Natürlich steht mein Thron nicht irgendwo im Dschungel, sondern an einem der schönsten Flecken überhaupt. Von meinem Felsen aus hat man Überblick über die grünen Berge, die sich wie Falten einer Decke über das Land erstrecken. Schmetterlinge tanzen in Paaren über die Kante, hinab ins Tal und Kakadus und Kokoburras segeln auf ihren Schwingen dahin oder verspotten meine Besucher mit ihrem Gekrächze und Gelächter.

Und da kommt auch gerade ein neuer Besucher an. Mit kurzer Kleidung im Dschungel, ich schüttelte den Kopf, entweder er war dumm oder furchtlos. Ich werde es gleich herausfinden. Mit offenen Augen schaut sich der junge Mann auf meiner Lichtung um und erstarrt, als er die herzförmigen Blätter erkennt, die die Lehne meines Stuhles formen. Die Blätter des Gympie Gympie. Schandmäuler nennen mich auch Selbstmordpflanze.

„Wo bin ich?“, fragt er mich.

„Du bist an einem Ort, an dem du dich entscheiden musst“, erkläre ich, „Du hast es gewagt mich zu berühren und wirst deine Schuld abbezahlen müssen.“

Seine Augen weiten sich. Sofort fährt sein Blick hinunter zu seiner linken Hand. ‚Da kann er aber glücklich sein, dass es nur die Hand ist‘, denke ich bei mir. Zu gut konnte ich mich noch an jenen strammen Soldaten erinnern, der die zarten, herzförmigen Blätter irrtümlicherweise für Klopapier gehalten hatte. Die Schuld war zu hoch gewesen und er stürzte sich direkt vor meinen Augen von dieser Klippe, noch bevor ich die Sache mit der Schuld genau erklären konnte.

„Welche Schuld? Und welche Entscheidung?“, fragt er. Sein Verstand versucht anscheinend noch alles zu verarbeiten. Allerdings bringen die kleinen Wesen, die nun über die Lichtung springen, ihn dabei ganz offensichtlich aus dem Konzept.

Ein tiefblauer Vogel mit grünem Kopf, der sich auf einem Ast niederlässt, ein kleines, buckliges Männlein ohne Haare, das versucht an seinem Bein empor zu klettern, eine feenhafte Gestalt, die mit glitzernden Libellenflügeln um seinen Kopf schwirrt und ein zerzauster Wombat, der sich an das andere Bein drückt.

Das Spinnenhafte Wesen, das sich an seinem Hinterkopf festgesaugt hat und seine langen schwarzen, Tentakelbeine in die Nerven seines Rückgrades gegraben hat, bemerkte er zum Glück nicht. Der Schmerz war schon immer ein hinterhältiges Biest.

„Dein Verbrechen ist Respektlosigkeit gegenüber der Göttin des Waldes“, erkläre ich sachlich und versuche geduldig zu sein. Schließlich können die Menschen ja nichts dafür, dass sie so schwer von Begriff sind. „Das Gift, das sich jetzt in deinem Körper befindet, wird dich rein brennen. Das ist alles andere als angenehm, denn der Schmerz wird sich noch weiter steigern, aber mit jeder Sekunde, die du diesen Schmerz erträgst, gedenkst du mir und dem Dschungel. Ich versichere dir, dein Respekt für den Dschungel wird nach diesen Tagen wiederhergestellt sein. Du darfst dich dann auch Krieger nennen, wenn du willst, denn die Prüfung eines Kriegers war es in den alten Tagen, eine Begegnung mit mir zu überleben. Du magst dir gar nicht ausmalen, wie verweichlicht die meisten Menschen sind, die heute zu mir kommen. Manche stürzen sich so schnell in den Abgrund, dass sie mir überhaupt nicht richtig zu hören.“

Sein Blick zuckt kurz zu der Felskante hinüber, aber er fängt sich gleich wieder.

„Was sind das für Geschöpfe?“, fragt er. Er geht in die Knie, schiebt das hässliche Männchen von sich und beginnt den Wombat zu streicheln.

„Das sind deine stärksten Emotionen“, sage ich, „Der pelzige Felsbrocken zu deinen Füßen ist dein Wille. Ich muss gestehen, das ist ein ganz ordentlicher Wille. So gut wie unzerstörbar.“ Ich deute auf das Männlein, das wieder versucht sich zu nähern. „Das ist deine Angst. Manchmal sitzt sie auf deiner Schulter und flüstert dir Dinge ein. Sie wächst allerdings nur, wenn du ihr auch Aufmerksamkeit schenkst.“

„Was ist mit dieser Libelle? Oder ist es eine Fee? Sie kommt mir so bekannt vor.“

Ich lächle. „Das ist deine Liebe. Zart, aber mit Flügeln, die jedes Hindernis überwinden können. Der Schmerz schließlich, der sitzt dir gerade ganz schön hässlich im Nacken. Sieh dich besser nicht um, das willst du nicht sehen.“

Entsetzt keucht er auf.

„Ich sagte doch: nicht umdrehen“, ich seufze und schüttle den Kopf. Diese Menschen. „Nun ja und der Vogel dort im Baum ist deine Hoffnung, quasi das Licht am Ende des Tunnels.“

Ich tippe mit den Fingerspitzen meiner rechten Hand auf die Handfläche meiner linken Hand, während der Mann panisch versucht das Wesen auf seinem Rücken loszuwerden. Fluchend versucht er es mit den Händen zu packen, doch es ist zu glitschig und gräbt sich stattdessen noch tiefer in sein Fleisch.

Völlig außer Atem und ohne zufriedenstellendes Ergebnis sitzt er schließlich da.

„Also, wie schon gesagt“, fahre ich mit mahnend erhobenem Finger fort, „Respektiere den Dschungel und seine Gottheiten und büße für deine Fehler mit deinem Schmerz. Überstehst du ihn, so wirst du mit der Seele des Kriegers wiedergeboren. Und so weiter und so fort. Noch irgendwelche Fragen?“

„Ähm, ich denke nicht.“

„Schön, dann viel Spaß noch mit dem Nervengift.“ Damit schicke ich ihn wieder zurück in seinen Körper.

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